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Rumpelstilzchen aus der Sicht eines Chemikers
Es war einmal ein armer Laborant, der hatte eine wunderhübsche Tochter. Um sich nun bei seinem Chef ein Ansehen zu geben, sagte er zu ihm: „Meine Tochter kann Mn(VII) zu Mn(V) reduzieren." Der Chef machte gierige Augen, denn dieser Döskopp ahnte ja nicht, daß sich nicht jede Laboratoriumskuriosität in bare Münze umwandeln läßt. So sagte er: „Morgen bekommt sie zwei Säcke mit Kaliumpermanganat vorgesetzt. Wenn sie alles in Mn(V) umwandelt, darf sie später meinen Betrieb übernehmen. Wenn sie es aber nicht schafft, wird sie in Chromschwefelsäure eingelegt!"
Da saß nun das arme Mädchen und hatte doch keine Ahnung von der Chemie. Und als sie da saß und weinte, kam plötzlich eine wunderliche Verbindung herein und fragte: „Was gibst du mir, wenn ich deine Arbeit mache ?"
„Den letzten passenden Korken für die schmalen Reagenzgläser ."
„Einverstanden!" Und blubber, mief, spratz, war alles Mn(VII) zu Mn(V) geworden. Und kaum war die Verbindung verschwunden, kam auch schon der Chef herein. Als er das viele Mn(V) sah, wurde er noch gieriger und sagte: „Dasselbe nochmal mit drei Säcken, und ich nehme dich zur Frau !"
Doch die Chemiekenntnisse des armen Mädchens waren inzwischen nicht größer geworden, und so kam bald wieder die Verbindung herein. „Was gibts du mir diesmal ?"
„Ich habe nichts mehr ."
„So verspreche mir dein erstes Kind !"
Was sollte sie tun? Sie versprach es also, und - stänker, kokel, detonier - war auch diesmal die Umwandlung vollzogen. Als der Chef hereinkam, war er endlich zufrieden, und bald hielten sie Hochzeit. Als sie dann ihr erstes Kind bekam, hatte sie die Verbindung längst vergessen. Doch die meldete sich sofort. „Gib mir dein Kind, Chefin!" Alle Reichtümer des Labors lehnte sie ab, doch schließlich ließ sie sich erweichen: „Wenn du meinen Namen errätst, darfst du dein Kind behalten. Drei Tage gebe ich dir Zeit !"
Am ersten Tag fragte die Chefin die gewöhnlichen Namen ab, wie Wasser, Schwefel, Kochsalz usw., aber die Verbindung sagte jedesmal: „Nein, so heiße ich nicht! "
Am zweiten Tag wurden Boten ausgeschickt, die alle Chemiebücher nach Namen durchwühlten, wie Trichloressigsäure, Phenylhydrazon oder Natriummetabisulfit, doch die Verbindung sagte wieder: „Nein, so heiße ich nicht !"
Am dritten Tag kam ein Bote zurück und sagte: „Neue Namen habe ich nicht gefunden. Aber ich habe etwas Merkwürdiges gesehen: Auf dem Spirituskocher tanzte eine merkwürdige Verbindung herum und sang: 'Heute vergift' ich, morgen zersetz' ich, übermorgen hol' ich der Chefin ihr Kind! Ach wie gut, daß niemand weiß, daß ich 5.10.11.11a - Tetrahydro - 9.11 - dihydroxy - 8 - methyl - 5 - oxo - 1H - pyrrolo - 2.1c - 1.4 - benzodiazepin - 2 - acrylamid heiß! '"
Da freute sich die Chefin, und als die Verbindung wieder erschien, fragte sie sie: „Heißt du Kaliumzyanid "
„Nein ."
„Heißt du Hexamethylentetraamin ?"
„Nein ."
„Heißt du etwa 5.10.11.11a - Tetrahydro - 9.11 - dihydroxy - 8 - methyl - 5 - oxo - 1H - pyrrolo - 2.1c - 1.4 - benzodiazepin - 2 - acrylamid "
„Das hat dir der Schönfeldt gesagt!" schrie die Verbindung und riss sich selbst entzwei.
 


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